Roter Tittenalarm!!!!!1111

Dieser Text ist lang. Ich habe hier etwas weiter ausgeholt, um zu erklären, warum Nacktheit eben nicht immer Nacktheit ist und warum wir unsere Bedürfnisse in puncto Erotik ernst nehmen müssen. Für uns alle. Wer die Kurzfassung möchte, hier zuerst das TL;DR.
Bitte. Danke.

TL;DR:

Nackte Haut ist medial selten neutral. Allein die Debatte um Nippel bei Facebook zeigt diese Situation. Wer „sexy“ in einer Bildersuche eingibt, erkennt, welches Ungleichgewicht in der landläufigen Vorstellung von „sexy“ herrscht. Das ist ungerecht und ungeil. Das nervt immer mehr Menschen, daher sind  Änderungen erkennbar.


Ich bin ja gerne sexy, aber…
Nacktheit alleine ist nicht sexistisch. Wenn ein wie auch immer gearteter Konsens die Nacktheit eines Geschlechts oder einer Geschlechtsidentität als sexy darstellt, vermarktet, zeigt und medial durchspult: Das ist sexistisch. Gerade wenn das (meist dualistische) Gegenüber in seinem nackten Zustand eher unsexualisiert ist. Eine solche Situation ist keine unbedarfte Freude an Erotik, sondern eine Demonstration von gesellschaftlicher und kultureller Ungleichheit. Das ist es, was nervt. Weniger nervig ist, dass, im Gegensatz zu vor 20 Jahren, Leute viel öfter und offener über das Phänomen der Ungleichheit bezüglich der täglichen Frauenfleischbeschau reden. Das macht Hoffnung. 
In dieser Hinsicht, auf Ebene von Einzelpersonen im Netz, beschäftigt mich ein spannender Widerspruch. Einerseits sollte jeder Mensch die absolute Freiheit haben, sexy Bilder von sich oder Personen zu posten, die ihr Einverständnis dazu gegeben haben. Andererseits ist eine Femme/Frau, die sexy Bilder von sich postet, so etwas wie ein Tropfen Wasser in einem Ozean an sexualisierten Frauenkörpern. Ich nehme mich da selbst nicht aus, da ich selbst gerne sexy bin. Ich bin stolz auf meinen Vorder- und Hinterbau. Ich finde es großartig, wie sich Sport und gesunde Ernährung auf den Körper auswirken und man die eigene Körperlichkeit auch im digitalen Sozialleben kundtun möchte.

Aber.

Andererseits hat ein anderer Teil von mir keine Lust mehr, einfach so weiter in diesem optischen Strom zu schwimmen. Es nervt. Es fühlt sich abgeschmackt an. Ich habe keinen Bock mehr, durch mein Zeigen Teil einer scheinbar passiven Bildfläche zu sein. Ich will selbst aktiv sexy Mitmenschen ansehen, die meiner Neigung entsprechen (Jungs! Kerle! Männer!). Ich will glotzen, geil finden und im Geiste einvernehmlichen Spaß mit diesen Körpern haben. (Ja! Körper! Wenn alle mal situativ objektifiziert werden, dann gibt es das, was ich Augen- und Nippelhöhe nenne. Eine Art Gleichgewicht der erotischen Blickrichtungen.) Achja, dann wär noch das mit dem Alter. Femmes und Frauen sind ja ab 30 oder 40 unsichtbar, zumindest wenn man sich das deutsche Fernsehen und viele andere Medienproduktionslandschaften ansieht. Journelle hat es auf ihrem Blog ziemlich gut zusammengefasst, was derzeit zum Thema diskutiert wird.

Auf Individualebene kann ich das schon längst, im gesamten kulturellen Zusammenhang ist das nicht so. Es reicht, einfach das Wort „sexy“ in einer ungetrackten Bildersuche einzugeben. Das, was dort als Ergebnis kommt, ist zwar ein Teil dessen, was allgemein als sexy gilt. Aber eben ein Teil. Und nicht das, was ich an potenziellen Geschlechtspartnern sexy finde, sondern wie ich sexy zu  „sein habe“. Das nervt. Das ist ungeil. Dieser gesellschaftlich-kulturelle Clam Jam geht sogar so weit, dass es für meine Bedürfnisse keinen Puff gibt, in dem ich spontan Druck ablassen könnte, wenn ich denn wollte. Und nein, einfach  jemanden irgendwo aufreißen ist keine Alternative.

Rumheulen ändert aber keine Zustände.

Daher mache ich aus meiner eigenen Lust, heiße Jungs anzuglotzen, ein kulturelles und gesellschaftliches Statement. Es ist wirksamer, etwas aus innerer Motivation heraus zu leben und damit ein Gegengewicht zu erzeugen. Je sichtbarer das Begehren für sexualisierte, ja auch verletzlich-erotisierte Männer ist, desto eher wird es mehr Angebot zur Nachfrage geben. Ich stelle zudem die mutige Behauptung auf, dass es Männern Freude bereitet, sich jenseits von Helden- und Muckibudenposen selbst sexualisiert zu zeigen. Ein Blick in die schwule Community reicht.

Um mehr sexuelle Gerechtigkeit zu erreichen, müssen Sexualität und Erotik offener und demokratischer kultiviert werden. Ist es nicht seltsam, wie wir von „Schweinkram“ oder „dreckigem Sex“ reden, auch wenn wir positiv über Erotisches reden? Diese Grätsche zwischen Happy Weekend und Pseudo-Newton ist ohne Zufall in Bild-Girls besonders deutlich zu finden.

Exkurs: The Internet Is For Porn
Und genau hier in der Kultivierung unserer Sexualität gibt’s interessante Indizien, dass Femmes/Frauen genauso „dreckige“ Fantasien haben wie männliche Leute. Hier möchte ich mal genauer hinsehen. Wie sieht die Kultivierung von Sexualität denn aus? Wenn wir die grundsätzlichen Formen ansehen, gibt es natürlich schon seit Menschen sich abbilden können die Darstellung von fruchtbaren oder eben auch sexy Körpern. Nacktbilder und Darstellungen sexualisierter Handlungen sind seit Menschengedenken vorhanden. Diese sind jedoch häufig aus einem männlichen Blickwinkel heraus gestaltet oder kuratiert.

Auch die aktuellen Formen der Sexualkultur haben den nackten Frauenkörper als universelles Symbol und bedienen damit den hetero-männlichen Blick primär und eher noch queere Blicke, die Frauenkörper sexy finden. Kurz gesagt: Der gynosexuelle (Frauen, Weibliches begeheren) Blick nimmt in unserer Kultur oft eine dominante Rolle ein. Das Androsexuelle (Männer, Männliches begehren) ist vorhanden, befindet jedoch sich meistens in der zweiten Reihe.

Es gibt allerdings Ausnahmen. Auch in diesen Ausnahmen ist das Androsexuelle oft von Männern kuratiert, also in Szene gesetzt.  Wo es allerdings eine große Dominanz des weiblichen Blicks in alle Richtungen gibt, ist in der Kultur der Fandoms, vor allem in Fanfiction (Internet sei Dank!). Erotische Fanfiction wird meist von Femmes/Frauen und Queers/Nonbinaries geschrieben und rezipiert. Es ist großartig. Allerdings sind die Inhalte eben meist in Form von Texten und eigens erstellten Bildern vorhanden. Es ist auch schwer, Pornofilme zu drehen, in denen Kirk und Spock miteinander ein Schäferstündchen  genießen. Weil das im Gegensatz zu Mainstreampornos eben so textlastig ist, fällt es leicht, einem Irrtum zu erliegen: Frauen mögen halt lieber Texte und weniger Bilder. Nope.

Die Kultivierung der Femme/Frauenpornografie, die gerade bei Fanfiction einer Underground-Massenkultur gleich kommt, ist deswegen textbasiert, weil die einschlägigen Fantasien mit haushaltsüblichen technischen Mitteln noch schwer zu visualisieren sind. Entweder muss mensch gut zeichnen/malen oder andere kreative Tools gut bedienen können. Es ist einfacher, das Kopfkino aufzuschreiben. Dazu gibt es einfach keine große Industrie, die einen erotischen Film mit einer Kirk/Spock-Konstellation produzieren würde. Was allerdings schon an Fanfiction auf die große Leinwand kam, ist das unsägliche 50 Shades of Gray.

Um es ganz zynisch auszudrücken: Dieses Stück Fanfiction konnte deshalb so gut wachsen, weil es den Mustern der Mainstreampornografie entspricht, mit der passiven jungen Frau und dem aktiven, mächtigen Mann. Natürlich spielen viele andere Faktoren noch eine Rolle, aber die Struktur unserer Meta-Sexualkultur begünstigte einfach das massive Ausbrechen genau dieses Werkes. Auf der positiven Seite könnte dies der erste Schritt sein, um den Weg für weitere Ausbrüche von Fanfiction in den Mainstream zu begünstigen. Vielleicht sogar mit mehr Ahnung von tatsächlich praktiziertem, konsensuellem BDSM.

Es ist eine wachsende Genervtheit, keine Empörung
Meiner bescheidenen Meinung nach ist die Wurzel des Problems das ewige Ihr und Wir, streng im Hetero-Raum um sich selbst drehend. (
Das Ausgrenzen hört da leider auch nicht auf. Meh.) Und ja, ich habe den Eindruck, es beschäftigt immer mehr Menschen. Es wird bemerkt, dass etwas gewaltig stinkt. Aber: An einigen Stellen geht mir die Diskussion nicht weit genug, um das wirkliche Problem sichtbar zu machen. Reden wir mal darüber, in welchem Raum dieser Elefant in Strapsen rumsteht. Der Dickhäuter existiert nicht im Vakuum. Um diesen Elefanten aber mit einem guten Ergebnis anzusprechen, braucht es eine geteilte Realität. Alle müssen denselben Elefanten aus dem gleichen Blickwinkel sehen.

Eine Diskussion zwischen zwei Leuten auf Twitter hat diesen Blick auf den Elefanten gewährt: Ein Gespräch brachte es präzise auf den Punkt gebracht: Frauenkörper sind  egal, wie man sie zeigt oder sieht – politischer. Schon allein die Nippeldebatte bei Facebook macht das mehr als deutlich. Femme/Frauenkörper sind ein ständiges Diskussionsthema in unserer medialen und sozialen Umwelt. Egal, wie verhüllt oder unverhüllt. Und wenn Männerkörper mal „dran“ sind, geschieht dies meist in einem weniger sexualisierenden Rahmen.

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Die mediale Umwelt beeinflusst unser aller Befinden. In dieser Umgebung sind das nicht „nur irgendwelche Bildchen“. Es ist wie der Gang durch einen Platzregen ohne Schirm. Mensch kann kaum ausweichen.

Dank der Vernetzung in der digitalen Öffentlichkeit können Femmes/Frauen ihr Unbehagen, welches sie teilweise über Jahrzehnte mit sich herumtragen, endlich teilen. Sie sind nicht mehr vereinzelte „Meckerziegen“ die „den Spass an sinnlichen Freuden“ verbieten wollen. Sie reden miteinander und finden verschiedene Wege und Ansätze, das Problem zu lösen.

Mein Ansatz liegt bei den „Sinnlichen Freuden“ und der „Freude am Schönen“, die immer wieder als Heiligsprechung von weiblichen Nackedeis im kulturellen Mainstream herangezogen werden. JA! Ich nehme euch beim Wort. Mein Kopf hat Augen, ich hab ‘nen Sexualtrieb und ich will optischen Genuss. Es ist für mich aber nicht genussvoll, mich mit Femmes/Frauen zur optischen Selbstreflektion zufriedengeben.  Mein sexueller Blick entspricht dem der Hälfte der Menschheit. (Hier rechne ich Menschen verschiedenster Art mit und ohne Geschlechtsidentität ein, die auf Kerle, Männer, Boys, Twinks und Bären und auch Butches stehen.)

In der Zwickmühle zwischen Glorifizierung und Stigmatisierung: Sexy Cosplay
Die Überpräsenz von sexy Femme/Frauenkörpern sorgt auch dafür, dass Menschen verschieden mit ihrer Reaktion darauf umgehen. Es schalten sich verschiedene Wertesysteme ein, die verschiedenste Reaktionen hervorrufen. Sexy posieren hat in unserer Gesellschaft noch immer noch etwas unseriöses, während  alle doch hinsehen. Es ist ermüdend. Ein Teil dieser eher sex-negativen Reaktionen ist erst kürzlich aufgeploppt: Eine Cosplayerin regte sich über andere Cosplayerinnen auf, die aus ihren sexy Kostümen Kapital machen oder einfach gerne Aufmerksamkeit bekommen. Diese Argumentation ist so kurz wie ein Streichholz: Abgebrannt. Es gab natürlich Reaktionen, da hat mir die von Jen Nyan besonders gefallen, weil echt jeder Mensch eben das verdammte Recht hat, sich auszudrücken, wie es eben beliebt.

“Be so good they can’t ignore you.”
Go cosplayers! Do whatever you want to do, because everyone of us is AWESOME. (except the haters :P) pic.twitter.com/qHJqv359Dx

— 🌸JenNyan@AnimagiC🌸 (@iJenNyan) 19. Juli 2017

Es bringt echt nichts, Leute für ihren Spass am Körper abzuurteilen. Es ist vielmehr praktikabel, genau hinzusehen und zu überlegen, warum uns Nacktheit und Sexyness manchmal Unbehagen bereitet. Und das ist nicht einfach die Nacktheit selber oder der Sex selber. Es ist der Kontext! (Achja, Stalker und Pimmelbilderabsender haben nichts gerafft. Statt den eigenen Schlong allein abzubilden, könnten diese Individuen sich vielmehr damit zu beschäftigen, wie man sexy wirkt und nicht plump.)

Ein Lichtblick für körperliche Vielfalt ohne Scham Besonders interessant finde ich, dass Männer, die sehr gerne schöne Frauen auf Twitter liken und retweeten, sich ihrer eigenen Körper bewusst werden und sich zeigen. Sie scheinen sich des Kontextes bewusst zu werden, in dem sexualisierte Frauen existieren.

Drei Männer haben sich auf Twitter zusammengetan und den #männertittendonnerstag ins Leben gerufen.

Der #maennertittendonnerstag: erfunden von @T0xisch, @Nelvius und @aggroEnte als Gegenpol zum #schleifchendienstag#against#bodyshaming

— AggroEnte (@aggroEnte) 20. Juli 2017

Das besonders schöne ist, dass hier eine Aktion gegen Bodyshaming mit der bewussten Schaffung eines Gegenpols einhergeht: Die Jungs gucken gerne bei #schleifchendienstag hin und geben jetzt selber ihre eigenen Körper zum Angucken und dran Erfreuen ins Netz. Solche Aktionen sorgen dafür, dass meine eigene Genervtheit für Hashtags wie #schleifchendienstag sich langsam auflösen kann.

Brücken für Brust und Brüste bauen
Es ist völlig klar, dass Verbote oder gesellschaftliche Normen bringen in dieser Situation zwischen auf Social Media postenden Privatpersonen nichts bringt. Vielmehr ist es verdammt wichtig, miteinander zu reden und Blickwinkel auszutauschen.

Ich ernte immer mehr Zustimmung, wenn ich statt über Titten zu meckern, die Abwesenheit von nackten Männern lamentiere. Ich nähere mich damit der Wahrnehmungsweise von Männern, die sich gerne weibliche Pinups ansehen. Durch dieses verbale Teilen einer Realität können alte Gräben zugeschüttet werden.

Diese männlichen Wesen kennen ihr eigenes Bedürfnis und ich zeige ihnen, dass ich trotz eines sehr ähnlichen Bedürfnisses aus Gründen zu kurz komme. Mitgefühl wird möglich. Andererseits ist es für Typen  wichtig, auch ohne diplomatische Finesse von Femmes/Frauen ihr Mitgefühl auszubauen. Die Welt ist keine Einbahnstraße.

Bei mir hat diese realitätsangleichende Art über meinen Unmut zu reden dazu geführt, dass Jungs mir auf Twitter freundlich per Mention oder DM Bilder von sexy Kerlen und Boys schicken, die sie im Netz gefunden haben. Sie wollen mir einen kleinen Gefallen damit tun. Und jedes Mal, wenn das passiert, ist es ein kleiner Lichtblick:  Einerseits habe ich etwas Schönes anzusehen, andererseits ein weiteres Zeichen von Mitgefühl auf eine sexy Art und Weise bei mir angekommen.

Merci! 

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