Haarspalterei: Der Barbier von Zwickau

Es gibt Kleinigkeiten, die „dank“ Facebook und ähnlichen Orten des Austauschs im Netz zu ungewollten Dramen werden können. Die simple Aufgabe einen innerbetrieblichen Sachverhalt der Kundschaft mitzuteilen, ist doch kein Problem. Mag man meinen. Dennoch hat es für einen Friseursalon in Zwickau einen ungewollten Shitstorm auf Facebook gegeben. (Die ganze Geschichte ist bei der Huffington Post zu finden.)

In eben diesem Friseursalon gibt es im Juli 2017 einen Personalengpass. Daher informiert die Geschäftsleitung darüber, dass zu bestimmten Zeiten nur ein Herrenfriseur vor Ort ist:

„Sehr geehrte Kundschaft, aus personalbedingten Gründen bedienen wir vom 10.07. – 15.07. 17 ab 16:00 Uhr keine Damenkunden. In diesem Zeitraum haben wir einen syrischen Herrenfriseur im Salon, der ausschließlich nur Herren bedient. Vielen Dank für Ihr Verständnis.“

Dieser Hinweis führte dazu, dass Menschen auf Facebook ausgerastet sind. Es gab Drohungen und Boykottaufrufe. Aufgrund der Nennung der Abstammung des Herrenfriseurs wurden religiöse Motive impliziert. Dem armen Mann wurden sogar Vergewaltigungs- und Mordabsichten unterstellt. Gruselig. Allerdings hätte diese Horrorshow durch bewusstes Formulieren (sehr wahrscheinlich) verhindert werden können.

Wenn innerbetriebliches Denken in die Außenkommunikation rutscht 

Was ist schief gelaufen? Der Hinweis an die Kundschaft wurde aus interner Sicht formuliert. Das ist kein Beinbruch, denn wer in einem Friseursalon arbeitet, muss die Feinheiten des Textens nicht kennen. Im Arbeitsalltag ist die eigene Sicht – aus innerbetrieblicher Sicht – einfach naheliegend und logisch. Details zur syrischen Herkunft des Herrenfriseurs sind spannender als für die Kundschaft. Die will (vorerst) nur einen Haarschnitt.

Wer noch genauer hinsieht, entdeckt den Begriff „Damenkunden“. Hier wird der betriebliche Begriff „Kunden“ umständlich feminisiert, anstatt in Alltagssprache „Damen“ zu schreiben. Warum? Aus interner Sicht ergibt sich die Logik: Ein Damen- und Herrensalon hat Kundschaft für die jeweiligen Sparten.  Daher sind die „Kunden“ innerbetrieblich (im generischen Maskulinum) eben entweder „Damenkunden“ oder „Herrenkunden“. Betrieblich richtig aber sprachlich ein Ungetüm und leicht angestaut.

Daher liegt die Lösung des texterischen Problems im Blickwinkel der Kundschaft. Die will wissen, was los ist und womit zu rechnen ist. Das kann kompakt und schnell zu lesen dargestellt werden:

Sehr geehrte Kundschaft, zwischen dem 10 – 15 Juli  ist  ab 16 Uhr aus personalbedingten Gründen nur unser Herrenfriseur anwesend. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Um das Ganze abzurunden, habe ich das ominöse „Wir danken für ihr Verständnis.“ mit „Wir bitten um Ihr Verständnis.“ ersetzt. Wenn man es ganz genau nimmt, sollte der Höflichkeit halber das Verständnis der Kundschaft nicht vorausgesetzt werden. Der Dank in der ursprünglichen Formulierung unterstellt diese Voraussetzung.


Artikelbild  CC-BY Marco Meyer auf flickr

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