Kulturelle Umweltverschmutzung?

Disclaimer: In diesem Artikel geht es um die mediale Wirkung von Onlinewerbung und deren Einwirken auf das Empfinden und die Wahrnehmung von (vor allem) netzaffinen Menschen in ihrer digitalen Intimsphäre. Wer technische Artikel zum Thema sucht, kann hier und hier gute Artikel lesen.

Heute fand im Landtag Nordrhein-Westfalen eine Anhörung zum #adblocker-Antrag der Piraten statt. Die Expertenrunde war nicht sehr groß, aber in der Zusammensetzung spannend. Den Vertretern des Zeitungsverlegerverbandes ging es eingangs vor allem darum, die Integrität von journalistischen Inhalten zu schützen:

Journalistische Inhalte sind mit der Werbung als Teil des freien Ausdrucks und der Meinungsfreiheit, des Rechts auf „Informieren und informiert Werden“ verbandelt. Untrennbar.

Dieser Gedanke ist nachvollziehbar, selbst für mich als Ad-Blocker-Fan. Zeitschriftenwerbung schaue ich mir öfters an, wenn sie gut gemacht ist. Plärrende Videos und hüpfende Animationen nicht. Die will ich blocken. Sie nerven. Ich sehe in animierten Werbebannern nicht viel „freien Ausdruck“ der Wirtschaft als Teil der demokratischen Gesellschaft.

Seien wir doch mal ehrlich: Hier stimmt das Verhältnis nicht mehr. Die Menschen an den Endgeräten werden gefühlt als „Kauf- und Konsumvieh“ mit sich oft wiederholenden Werbeanzeigen bombardiert und das soll dann als Teil der journalistischen Integrität und Meinungsfreiheit verstanden werden?

Deswegen bin ich Fan von Ad-Blockern. Nicht, weil ich die Werbeindustrie untergehen sehen will. Im Gegenteil, mich dürstet es nach Innovationen und neuen Modellen, die mich als potenzielle Kundin respektieren. Es gibt glücklicherweise einige Stimmen aus der Werbebranche, die diese Innovation predigen und einfordern. Das ist spannend und könnte auch dazu führen, dass ich irgendwann meinen Ad-Blocker deinstalliere.

In meiner subjektiven Wahrnehmung hat sich viel Werbung seit dem 20. Jahrhundert in ihrem Einfordern von Aufmerksamkeit zur Erzeugung von Kaufimpulsen nur wenig geändert. Wo sie in der Zeitung oder auf der Werbetafel in der Stadt still ist, plärrt sie uns zusätzlich am Rechner oder am Smartphone an. Das mag für Werber wie blanke Polemik klingen, aber es ist die Realität vieler Menschen, die einfach nur respektvoller als Augen am Bildschirm behandelt werden möchten.

Da stellt sich die rhetorische Frage nach dem Warum. Wie kommt es, dass Reklame so dermaßen schrill und aufdringlich ist?

Aufmerksamkeitsökonomie ist das oft wiederholte Zauberwort. Aber ist Aufmerksamkeit immer noch diese unumstößliche Zauberformel, die Produkte und Dienstleistungen verkauft? Mir scheint, dass das Bezugnehmen auf „Aufmerksamkeitsökonomie“ zunehmend zur Bankrotterklärung vor dem Status quo verkommt. Das ist enttäuschend, denn Innovation ist dringend notwendig: Werbung muss sich endlich den digitalen Umweltbedingungen anpassen, um weiterhin Akzeptanz zu genießen.

Seit der Erfindung des Internets hat sich unsere mediale Umwelt eklatant verändert. Wir leben nicht mehr im Mad Men-Zeitalter in dem Print, Radio und TV die Hauptträger von Werbung sind. Werbung rückt in die digitale Intimsphäre vor, sodass digitale Sinnesorgane wie Smartphones nicht nur Informationen, sondern die digitale Entsprechung eines Anstupsens an den Menschen übertragen. Es ist wie ein aufdringlicher Promoter auf der Straße, der einem an die Schulter packt, damit man seinen Flyer nimmt.

Die Werbung vergreift sich im Ton, benimmt sich daneben. Daher ist es kein Wunder, dass technische Mittel gegen dieses Verhalten entwickelt wurden. Ad-Blocker müssen als Debattenbeitrag verstanden werden. Die Botschaft ist ein Wunsch nach Innovation und Respekt. Es braucht mehr Menschenverstand und weniger Algorithmen, die angeblich meine Wünsche voraussagen können. Die x-te Methode um mich zu „re-targeten“ bringt wenig: Nicht gekaufte Artikel will ich nicht in Werbeeinblendungen hinterhergetragen bekommen. Wenn ich etwas in einem physischen Laden ansehe, aber nicht kaufe, rennt das Verkaufspersonal mir auch nicht mit Bildern des nicht gekauften Produkts hinterher. Das wäre ja albern.

Zu guter Letzt noch etwas Positives: Branded oder Sponsored Content, ordentlich gekennzeichnet, nervt mich viel weniger. Ich erwische mich sogar des Öfteren dabei, dass ich solche Artikel lese. Solange ich schon in der Überschrift weiß, dass hier Kosmetikfirma XYZ ihre neue Creme mit einer schönen Story über Saunagänge und Hautpflege bewirbt, bin ich nicht genervt. Es ist halt Werbung, die mich respektiert. Soll sie doch da sein.

Übrigens: Sponsored Content wird von meinem Ad-Blocker nicht herausgefiltert. 

Featured Image: CC-BY 2.0 Pascale PirateChickan

Advertisements

Ein Gedanke zu “Kulturelle Umweltverschmutzung?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s