Schnittchen und Wahlplakate

Heute wurde ein Designvorschlag für ein Wahlplakat auf dem Landesparteitag der Piraten in Baden-Württemberg vorgestellt. Es handelt sich hier um ein Designkonzept, welches mit Platzhaltermotiven und Claims gezeigt wurde. Soweit so gut. Allerdings hat das Platzhaltermotiv mit dem Platzhaltertext auf Twitter unter manchen Piraten für Bauchweh gesorgt. Klar, man braucht sich nicht über ein Designkonzept aufregen, wenn die „echten“ Inhalte noch kommen.

Oder doch? Mit meiner Kommunikationsdesignerbrille sehe ich es als richtig an, wenn jamand schon das Designkonzept garstig findet. Warum? Weil man eine Idee bestmöglichst verkaufen will. Grad innerparteilich. Schon das Konzept muss abgerundet und vor allem neutral sein, damit es einer möglichst großen Gruppe gefällt und kein „Geschmäckle“ oder Haken dran ist, welches für Nebendiskussionen sorgt. Diese Plakatbeispiele haben leider ein „Geschmäckle“ die jedoch nicht vom Menschen, der diese Entwürfe tägtigte, gewollt waren.

Das „Geschmäckle“ hier ist einfach:

Erstens, es sieht für piratige Verhältnisse konservativ aus. Zweitens, mehrere Piraten frotzelten, es wäre wie ein CDU Plakat. Drittens, der Text verstärkt das noch mehr aufgrund der wirtschaftlichen Thematik. Dabei ist das Thema immens wichtig für BaWü und auch dem Rest der Republik. Es ist es wert aufzugreifen, aber im Beispiel dann lieber mit einem Motiv, das mit dem Klischeebild des „Wirtschaftstypen“ bricht. So wirkt es weniger CDUFDP.

Und ab da würd ich mir als Designwesen Gedanken machen. Ich frage mich dann: Ist es das Konzept an sich, die Ästhetik unabhänig von Bild- und Textbotschaften? Oder ist mein Platzhalter ein Hindernis dafür, dass Leute mein Design richtig sehen? Ausserdem ist auf dem Bild ein NRW-Vorstandsmitglied zu sehen, der selber auch Designer ist. (Aber das Plakat nicht entworfen hat.) Manche hingen sich sogar an der sichtbaren Uhr auf und nannten das Plakat eine Uhrenwerbung. Das ist ein klarer Fall von „Platzhalter blockiert die Sicht auf das Design“. Es ist zwar recht unspektakulär, ich scholt es auf Twitter zuerst als „dröge“. Aber beim zweiten Hinsehen muss ich zugeben, ich hatte da etwas unrecht. Es ist funktional und erkennbar „PIRATEN!“.

Aber was hat das denn nun mit Schnittchen zu tun? (Ausser, dass Schnittchen meistens gut schmecken.)

Die AG Schnittchen, Cateringlegende aus NRW, wurde aus einem Platzhalterbeispiel geboren. Es begab sich im Jahr 2009, als in NRW Crews vs. KV heftigst debattiert wurde. Auf einem „Tag der politischen Arbeit“ hatte ich die Ehre ein großes Gespräch zu leiten. Es gab eine wilde Diskussion um die Funktion von AGs in dem Gefüge der NRW-Piraten. Die Diskussion drohte das Gefüge der großen Debatte etwas zu entführen, daher  griff ich moderierend ein. Um deren Diskussion etwas zu klären und eine Lösung anzubieten, suchte ich ein Beispiel für die Situation um die sich zwei Piraten engagiert stritten. Ich wusste aber, dass das Beispiel keines sein düfte, welches existiert oder irgendwie zu deuten wäre. Es müsste idealerweise was neutrales sein. Am besten etwas ulkiges um einen kleinen Lacher für alle in die Runde zu streuen. Also beschrieb ich wie eine fiktive AG Schnittchen über Schnittchenbeläge diskutiert. Käse oder Schinken? Salami oder Pastrami?

Mein Beispiel wurde gehört, ich bekam das rüber was ich rüberbringen wollte. Mein Platzhalterbeispiel für eine AG wurde mehr zur Brücke als Diskusionsexkurs (Eichhörnchen, ja liebe Neusser) der alle vom Thema abgebracht hätte.

Was ich jedoch nicht vorausgesehen hatte, war ein grinsender Pirat ganz hinten im Raum, der gerade diese Wikiseite angelegt hatte. Nach der Versammlung wurde dann dieser Trolleintrag erst zum kleinen Politikum „Wir wollen doch keine Spaßpartei sein, raus damit aus dem Wiki“. Darauf hin haben u.a. die Gründungsmitglieder des AK Kultur (damals noch nicht „und Medien“) sich zusammen getan. Wir liebten die Idee der AG Schnittchen so sehr, dass wir nicht nur im Wiki dazu Spässchen machten, sondern für den kommenden Aufstellungsparteitag für die Landesliste für die NRW Landtagswahl 2010 das Catering übernehmen wollten. Es gab da zwar keine Schnittchen, aber es gab Spaghetti. Viel Spaghetti mit Tomatensauce und eine amtliche Nudelmesse.

Daher ein Vorschlag zur Güte:

  1. Bei Designbeispielen neutrale Beispiele wählen.
  2. Bei Texten sogar auf Lorem Ipsum zurückgreifen wenn euch  nix besseres einfällt.
  3. Bei Bildern: Im Zweifel lieber keinen Menschen nehmen. So kann man Diskussionen um Repräsentation von Bevölkerungsgruppen vermeiden. Stattdessen sind humorvolle Platzhalter wie z.b. eine Trollfigur oder jemand aus der Popkultur der etwas „entfernt“ von Diskussionen um Menschengruppen hier auf der Erde ist, wie zum Beispiel eine Anspielung auf die Kampagne von Gowron zu einer Wahl in Kanada.
  4. Spass haben, keine Angst vor nerdigem Humor als Platzhalter, wenn ihr euch traut. 🙂
Viel Erfolg in BaWü, ich versuche mal wieder runter in mein altes Heimatbundesland zu kommen um beim Wahlkampf zu helfen ❤

Beitragsbild: „Canapes“ CC-BY von sushi♥ina auf Flickr